Wie wir nach Kreta kamen...
als Fortsetzungsgeschichte:
ZUKUNFTSPLÄNE
»Träumst du schon wieder?«
Mein Körper antwortete mit einer Gänsehaut.
Die Augen geschlossen entspannte ich bei griechischer Musik und spürte, wie sich von hinten Arme um mich legten. Es war ihr gelungen, sich in die Wohnung zu schleichen. Träge öffnete ich die Augen. Ihr Anblick ließ mich lächeln. Halb sitzend, halb liegend flegelte ich auf dem Sofa. Völlig ausgepowert war ich von der Arbeit nach Hause gekommen. Zu müde irgend etwas zu tun.
»Hallo mein Engel! Ist es schon so spät? Ich habe gerade an unseren letzten Urlaub gedacht!«
Sie stupste mit dem Zeigefinger auf meine Nase und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn.
»Ach war das schön! Kaum zu glauben, dass es erst einen Monat her ist! Ich fühle mich schon wieder urlaubsreif!« seufzte sie und begann, sich die Uniformjacke aufzuknöpfen.
Das weckte meine Lebensgeister.
Uniformen besitzen Magie!
Nicht, dass ihre etwas Besonderes war. Sie besaß weder Schulterklappen, Glitzerfummel, oder sonstigen Schnick - Schnack. Doch der Anblick ließ mein Herz einen Takt schneller schlagen und die Durchblutung in bestimmten Körperbereichen wurde automatisch vervielfacht. Dabei handelte es sich nur um eine schlichte, blaugraue Uniform der Berliner Verkehrsbetriebe.
Meine Liebste war Zugabfertigerin.
Ich hasste die U-Bahn und alles, was mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun hatte. Nur für sie stürzte ich mich in das Verderben der rücksichtslosen Menschenmenge, die nach undefinierbaren Mischungen von Körperschweiß und Deoresten roch. Alle waren fixiert auf ein bestimmtes Ziel und wollten es unter Einsatz aller Mittel so schnell wie möglich erreichen.
Ich wollte lediglich eines.
Es kündigte sich mit leichtem Vibrieren der Erde an, einem Kribbeln in den Schuhsohlen. Ein Luftzug fegte durch die Gänge. Mit protestierendem Quietschen kam die U-Bahn zum Stehen. Zischend öffneten sich die automatischen Türen.
»Zoologischer Garten!«
Das war es -ihre Stimme! Was für ein Klang! Eine Musik, die mein Herz so zum Rasen brachte, dass ich still und ergriffen stehen blieb. Hunderte hörten es über das Mikrofon, nahmen die Ortsangabe gleichgültig hin. Menschen drängten aus den Waggons, andere schubsten hinein.
Ich wartete andächtig auf die Zugabe.
»Zurrrück bleiben!«
Der erste Befehl in meinem Leben, den ich erotisch empfand.
Die U-Bahn ächzte los, die gekachelten Gänge bekamen eine kurze Atempause.
Es war bewundernswert. So schüchtern ihre Art sonst war, an diesem Ort regierte sie souverän! Tief unter der Erde, umgeben von fremden Menschen, die sie anpöbelten, sobald die Bahn sich ein paar Minuten verspätete! Von den Betrunkenen, die je nach Charakter anhänglich, aufdringlich oder aggressiv wurden, gar nicht zu reden.
Ein sehr harter Arbeitstag lag hinter meiner Liebsten. Es war an den dunklen Schatten unter den Augen zu erkennen. Ich sprang auf und trat vor sie. Während meine Hände beim letzten Knopf der Jacke halfen, erkundete meine Zungenspitze sanft ihr Ohr. Als ich das Oberteil über ihre Schultern streifte, entkam sie mit einer eleganten Drehung. Aus sicherer Distanz sah sie mich fragend an.
»Wollen wir etwas essen? Ich bin so groggy, nicht böse sein...«
»Mein Engel, wie könnte ich? Bin ja auch ganz kaputt!« antwortete ich. Meine Lippen heuchelten Verständnis, doch mein Blick zog sie bis auf den letzten Stoffetzen aus.
»Geh doch schon mal duschen! Ich kümmere mich um den Rest.«
Die Teller knallten auf den Tisch, während ich versuchte, mein hormonelles Gleichgewicht wieder her zu stellen. Durch den Flur hörte ich das Prasseln in der Dusche. Ich wusste ganz genau, wie ihr Kommentar lauten würde, wenn sie mich sehen könnte! »Liebes, die Teller können nichts dafür und überhaupt – die Denkfalte zwischen deinen Augen ist tief wie eine Schlucht! Was bewegst du in deinem hübschen Kopf?«
Die Gesellschaft der Kücheneinrichtung blieb stumm. Erfahrungsgemäss hatte ich noch fünf Minuten, denn im Gegensatz zu mir machte sie alles mit Eile.
Ich liebte sie. Liebte sie so, dass es auf eine durchdringende Art angenehm schmerzte. Dies ermöglichte mein Verständnis und eine Kompromissbereitschaft, die für das alltägliche Leben wichtig war. Dabei ging es nicht um so simple Dinge wie eine unförmig zerquetschte Zahnpastatube. Schuhe, über die ich stolperte, weil sie einfach da liegen blieben, wo sie ausgezogen wurden. Eine Schere, die ich ständig suchte, weil sie nie an ihrem Platz lag, wenn sie von ihr benutzt worden war. Es ging um Wesentlicheres.
Im Laufe der Zeit wurde die Koordinierung der körperlichen Bedürfnisse zwischen uns beiden schwieriger. Mal hatte sie Lust und ich war erschöpft. Dann wollte ich, und sie war müde.
In Gedanken begann ich eine Unterhaltung mit imaginären Personen. Eine Eigenart, die es mir ermöglichte, die Situation mit mehr Distanz zu betrachten.
Tja, ich frage euch – mal ganz ehrlich – wer kennt das nicht?
Einem Dirigenten gleich strich ich zur Betonung mit der Gabel durch die Luft.
Die Zeit der Verliebtheit ist vorüber. Adrenalinschübe, die über Anfälle von Müdigkeit mit einer verblüffenden Leichtigkeit hinweg helfen, werden weniger. Der Kampf gegen den Alltag beginnt! Im günstigsten Fall muss nur eine oder sogar keine von beiden arbeiten...
Ich seufzte tief bei dieser verlockenden Vorstellung und legte die Gabel ordentlich neben das Messer.
Oder beide haben einen lockeren Job mit gleicher Arbeitszeit und unter der Woche bleiben noch genügend Reserven, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Aber wer hat das schon?
Das Brot wurde von meinem fragenden Blick durchbohrt. Ich begann, es in dünne Scheiben zu teilen. Meine Liebste hasste unförmige Bauarbeiterschnitten.
Meist ist es doch so, dass für beide der Hauptanteil der Energie im alltäglichen Arbeitskampf verbraucht wird!
Die erste Scheibe hatte ein Loch und kam auf meinen Teller.
Oftmals sind sogar die Arbeitszeiten dermaßen unterschiedlich, so wie bei uns beiden, - die zweite war oben dünn und nach unten zwei Zentimeter dick geworden. Sie landete auf der ersten. - dass sich jegliche Aktivitäten auf das Wochenende oder den Urlaub verschieben!
Ich legte die nächste Scheibe, die mir endlich gelungen war, in den Brotkorb.
Es gäbe da noch die Gruselvorstellung – eine hat Nachtschicht, während die andere tagsüber malocht! Meine Güte, bin ich froh, dass es bei uns nicht ganz so schlimm ist!
Grimmig betrachtete ich die nächste, dicke Schnitte, nahm kurzerhand die mit dem Loch und pulte es so weit aus, dass ein Herz erkennbar wurde. Das Kunstwerk drapierte ich auf ihrem Platz. Mir fiel ein, dass böse Zungen behaupteten, wer wenig Zeit miteinander verbringe, könne auch nicht streiten. Doch wenn ich wählen müsste, würde ich mich für den Streit entscheiden und das nicht nur, weil ich Versöhnungen liebe.
Ein Duft nach Vanille ließ meine Nasenflügel beben.
»Ach, freu ich mich auf unser Abendessen!« hörte ich die Stimme meiner Liebsten hinter mir und gleich darauf das 'Klack' des Fernsehers. Sie setzte sich mit der Fernbedienung an den Tisch. Das Zappen durch alle verfügbaren Programme folgte, bis die Entscheidung auf eine Nachrichtensendung fiel. Es war ihre Art zu entspannen.
Immerhin, auch Essen kann eine gemeinsame Handlung sein, die beiderseitige Grundbedürfnisse befriedigt. Ebenso wie Kuscheln im Bett, sich noch ein wenig unterhalten und dann Seite an Seite einzuschlafen. So lag ich eine Stunde später, den Kopf auf den rechten Arm gestützt, und betrachtete liebevoll ihre Rundungen, die mich je nach Situation erregten oder mir eine wundervolle Weichheit und Geborgenheit vermittelten. In letzter Zeit, bedingt durch Erschöpfungszustände, leider häufiger Letzteres. Sie erzählte mit müden Augen von den Tageserlebnissen. Gerade war sie bei »Gute Nacht, Liebes. Schlaf schön.« angekommen und drehte mir ihr Gesicht zu.
Abrupt unterbrach ich das Ritual.
»Du! Am Liebsten möchte ich mit dir auswandern. Irgendwohin, wo es schön warm ist und wir mehr Zeit füreinander haben!«
Die Augen bereits halb geschlossen, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.
»Ein schönes Thema für unsere Träume heute Nacht...« murmelte sie und spitzte auffordernd die Lippen. Ich beugte mich über sie. Nahm den Kuss an, wohl wissend, dass er mein Traumbegleiter werden sollte.
Mein Körper war schwer und müde, aber meine Gedanken verweigerten mir den Schlaf. Auswanderungspläne vergangener Zeiten fielen mir ein.
In meiner Zeit als Krankenschwester hatte ich die edle Anwandlung, als Entwicklungshelferin zu arbeiten. Monate später traf eine Zusage ein. Ich musste sie ablehnen, denn ich war frisch verliebt! Wer will denn da noch nach Südafrika!?
Mein letzter Versuch – er lag erst zwei Jahre zurück.
Der Auslöser war ein Urlaub auf den Malediven. Vom ersten Tag an konnte ich mir vorstellen, dort zu leben. Doch was macht man auf so einer winzigen Insel? Selbst bei gemütlichem Gehen war in zwanzig Minuten der Ausgangspunkt erreicht! Faulenzen, tauchen und surfen! Faulenzen war im Arbeitsstress eine ersehnte Abwechslung. Am Stück konnte ich das maximal einen Tag ertragen. So belegte ich die erste Woche einen Tauchkurs und in der zweiten nahm ich mir vor Surfen zu lernen.
Die Tauchlehrerin war eine Frau. Beiläufig erfuhr ich, dass sie lesbisch war. Ich hatte allerdings nichts Besseres zu tun, als mich Hals über Kopf in die Surflehrerin zu verlieben. Die war, wie sollte es anders sein, stockhetero. Zurück in Deutschland, meldete ich mich in einer Tauchschule an, wild entschlossen, meinen Ausstieg zu verwirklichen.
Dann begegnete ich meiner Liebsten. Auswandern war erneut kein Thema mehr.
Und nun kam in dieser Nacht alles wieder hoch. Wie Luft, wenn ich Sodawasser zu hektisch in mich hinein schütte. Denn eines beschäftigte uns stets aufs Neue – so wundervoll wir die gemeinsame Zeit fanden, sie war zu kurz! Da waren wir einer Meinung!
Ich grübelte. Personaleinsparungen würden uns beide früher oder später betreffen. Also, warum nicht einen Neubeginn wagen? Eine Frage, die mich nicht mehr los ließ.
Einige Wochenenden später...
Ein Blick aus dem Fenster ins Regengrau, Windböen zerzausten den Baum im Hinterhof. Das Thermometer pendelte bei lächerlichen vierzehn Grad. Es war Mitte Juni! Ein Sommermonat, der in meiner Erinnerung Sonne, blauen Himmel und leichte Kleidung versprach! Pustekuchen! Wir saßen mit Sweatshirts in der Wohnung und überlegten, wie aus so einem Tag dennoch etwas Schönes werden konnte. Wir beschlossen, uns mit kulinarischem Frühstück zu verwöhnen. Ein guter Anfang. Meine Liebste genoss dabei ein Highlight – ganz in Ruhe Zeitung lesen. Das war nichts für mich. All die fürchterlichen Nachrichten, über die ich mich eh nur aufregte! Ich amüsierte mich mit den Kontaktanzeigen und überflog ganz nebenbei den Immobilienteil. Unsere Beziehung war in eine Phase getreten, wo Zukunftspläne konkretere Formen annahmen. Es galt, wichtige Fragen zu klären.
Welche Wohnung geben wir auf? Ziehst du zu mir oder ich zu dir? Suchen wir eine ganz neue Wohnung? Oder irgendwo ein erschwingliches Häuschen? Das Übliche eben...
Ganz nebenbei blieb ich bei den Auslandsanzeigen hängen. Ich glaube nicht an Zufälle. Mit hörbarem Rascheln ließ ich die Zeitung sinken.
»Schatz?« tastete ich mich vorsichtig zu ihrem Akustikzentrum vor. »Einfach mal so... Angenommen, du müsstest entscheiden, in welches Land du auswanderst, welches käme für dich da in Frage?«
Ohne dabei den Kopf zu bewegen, fixierten mich ihre strahlend blauen Augen. Die Brauen schoben sich eine Winzigkeit näher zueinander.
»Einfach mal so? Du fragst das mit Sicherheit nicht einfach mal so! Das ist nicht deine Art! Also, raus mit der Sprache.«
Es verblüffte mich stets, wenn sie mich anschaute und dabei mit meinen Gedanken Striptease vollzog.
»Na ja, ich habe hier gerade was gelesen. Es würde mich interessieren, was du darüber so denkst.« stotterte ich unter dem prüfenden Blick.
»Wie ich dich kenne, wirst du nun keine Ruhe geben, bevor dein Wissensdurst gestillt ist. Ich beantworte die Frage. Erklärst du mir anschließend dein Interesse daran?«
Mit leichtem Nicken bekundete ich mein Einverständnis.
»Grundsätzlich müsste das Land ein Teil Europas sein! Es vermittelt mir eine gewisse Sicherheit. Das Klima sollte wärmer sein als hier. Ein Flughafen in erreichbarer Nähe wäre Bedingung.«
Sie machte eine nachdenkliche Pause, während meine Hände die Serviette in feine Streifen zerfledderten.
»Frankreich. Eine wunderschöne Sprache, die ich leider nicht beherrsche, aber die Menschen sagen mir nicht so zu. Italien. Ein schönes Urlaubsland, aber dort leben? Ich weiß nicht. Spanien? Nö, wenn, dann wäre es Griechenland. Jetzt zu dir! Weshalb willst du das wissen?«
Wortlos reichte ich ihr die Seiten.
DER ERSTE SCHRITT
Ein fragender Blick musterte mich, bevor ihr Gesicht hinter dem ausgebreiteten Teil der Zeitung verschwand, in dem ich die Anzeigen entdeckt hatte.
Gespannt wartete ich. Meine Phantasie galoppierte der Realität davon. Während meine Finger die Streifen der Serviette zu Konfetti massakrierten, konstruierte ich bereits das Haus im Süden, nah am Meer, in das wir ziehen würden. Ein Räuspern unterbrach mich.
"Bist du mit unserer Beziehung unzufrieden?"
Wie kam sie darauf? Ich holte tief Luft und wollte meiner Empörung Ausdruck verleihen, als sie mit merkwürdigem Unterton in der Stimme fort fuhr: "Hier steht - lesbisches Paar sucht Gleichgesinnte zum Erfahrungsaustausch. Sex nicht ausgeschlossen.""Aber ..." Ich war so verdattert, dass mir die Worte fehlten. Sie müsste mich doch besser kennen! Als ich in ihre Augen blickte, merkte ich - sie hatte mich gefoppt. Ein Sonntagsbrötchen flog in ihre Richtung und wurde flink mit der Zeitung abgewehrt, die mit einem Ratsch in zwei Teile riss. Das Brötchen landete unter dem Tisch, wo es von unserem Hund Jenny als Beute begrüßt und in Sicherheit gebracht wurde. Ich war viel zu abgelenkt, um erzieherische Maßnahmen zu ergreifen.
"Du weißt ganz genau, dass ich die andere Seite, die mit den ausländischen Immobilienangeboten meinte!"
Ihr herzhaftes Lachen entwaffnete mich.
"Du siehst wirklich süß aus, wenn du dich dermaßen ereiferst!" Sie legte den Anzeigenteil weg. "Und nun raus mit der Sprache, was möchtest du mir damit mitteilen?"
All die Gedanken und Überlegungen, die mich die letzten Wochen wieder und wieder beschäftigt hatten, überfluteten in aufgeregtem Wortschwall meine Liebste. Sie hörte bis zur ersten Atempause geduldig zu. Dann bemerkte sie trocken: "Wie stellst du dir das vor?"
Einem Stoppschild gleich brachte mich die sachliche Frage aus dem euphorischen Konzept.
"Wie meinst du das?"
"Nun, grundsätzlich teile ich deine Ansicht ..."
Das klang schon besser, fand ich.
"Aber um so etwas zu realisieren, musst du doch eine Idee haben, wie wir das bezahlen, von was wir leben werden, wie das mit der fremden Sprache funktionieren soll. Und bist du dir sicher, dass du hier einfach weggehen kannst? Alle unsere Freunde zurück lassen?"
Sie ließ mir Zeit, über die Antworten nachzudenken. Ich biss auf der Innenseite meiner Lippe herum. Nach einer Weile entgegnete ich: "Die Sache mit der Finanzierung müssten wir gemeinsam ausrechnen, aber ich bin der Meinung, dass es zu schaffen ist. Griechisch lernen wir und das mit den Freunden, es ist doch so - wie oft im Jahr treffen wir uns ganz in Ruhe mit den Menschen, die uns wichtig sind?"
Ihre Miene verriet konzentrierte Aufmerksamkeit. Ich spielte mit den kläglichen Überresten der Serviette, während ich fort fuhr:"Ziehen wir in den Süden, werden sie uns besuchen kommen, bei uns Urlaub machen. Das sind im Regelfall mindestens zwei Wochen. Wenn man die Zeit bedenkt, haben wir dann mehr voneinander, als jetzt, wo wir im gleichen Land oder in derselben Stadt wohnen! Und zwar ohne den ständigen Stress im Hintergrund."
Sie schob den Stuhl zurück, kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß, legte die Arme um mich und flüsterte in mein Ohr: "Ich bin auf deiner Seite. Die Vorstellung, dass wir beide in den Süden ziehen, ist verlockend! Aber es gibt eine Menge Fakten, die zu bedenken sind, damit es nicht eine schillernde Seifenblase wird, die sich im entscheidenden Moment im Nichts auflöst."
Ich seufzte, denn ich wusste, sie hatte recht. Begeisterte mich etwas zutiefst, ließ ich vernünftige Überlegungen zu leicht außer acht. Sie war mein passendes Gegenstück, das mich dazu brachte, auch die Rückseite einer Medaille zu sehen. Ich lehnte mich an sie, spürte die Bewegungen ihrer Atemzüge und stellte fest, dass mir die Nähe das Denken verwehrte. Ein Wunsch erwachte, der so gar nichts mit dem Thema zu tun hatte. Unsere Blicke begegneten sich. Ohne Worte verständigten wir uns, dass der Augenblick zu schade war, um ihn mit reden zu verbringen. Dazu hatten wir später noch Zeit. Wir zogen uns zurück in eine Welt die, nur für uns bestimmt, ihre eigene Sonne und Wärme besaß. Ungeachtet dessen, wie dunkel es draußen war, erzeugten wir unser eigenes Licht.
Sehr viel später lagen wir aneinander gekuschelt und sprachen erneut über die Möglichkeit und Bedeutung einer gemeinsamen Auswanderung. Das war der Tag der Wende. Wir begannen, unser Leben neu zu orientieren.
Die Grundlage bildete unsere Liebe, das gegenseitige Vertrauen und das Wissen, dass ein Leben schnell vorüber geht und zu schade ist für jeden vergeudeten Tag. Ein Bewusstsein, das sich durch erschütternde Erfahrungen im engeren Freundeskreis um Vielfaches verstärkt hatte.
Wir überlegten, rechneten, informierten uns über all die Sachverhalte, die wichtig zur Umsetzung waren und entschieden uns dann, es einfach zu wagen.
Nach reiflicher Überlegung wurde Kreta unsere gemeinsame Favoritin.
Gerade noch Europa, lag sie so weit südlich, dass ein warmes Klima garantiert wurde. Umgeben vom Meer, das wir beide liebten. Groß genug, dass die Gefahr eines Inselkollers vermieden wurde und der Lebensunterhalt realisierbar sein würde. Faszinierend in der Geschichte und beeindruckend in ihrer natürlichen Schönheit.
Wir nahmen Kontakt zu einem deutsch sprechenden Makler in Rethymnon auf.
DER SONNE ENTGEGEN
Wann war ich das letzte Mal so aufgewühlt gewesen? Nach dem ersten Kuss? Bei der Unterschrift meines ersten, eigenen Mietvertrages? Dem ersten Fallschirmsprung? Während mir diese Gedanken durch den Kopf schossen, hielt ich mit zitternden Händen der Dame am Abfertigungsschalter unsere Tickets entgegen.
Es war soweit. Wir flogen nach Kreta!
Im Verlauf dieser zweiwöchigen Reise wollten wir uns verschiedene Objekte anschauen, die wir aus dem Informationsmaterial des Maklers ausgewählt hatten und entscheiden, welches für uns in Frage kommen könnte.
Ich strahlte über das ganze Gesicht, während meine Liebste in der Halle umherstreifte, die Hände auf dem Rücken verschränkt, Finger und Beine in ständiger Bewegung. Es war der Flug, der sie in solche Unruhe versetzte. Jetzt, im November, gab es keine Direktverbindung nach Kreta und wir mussten mit der einzigen griechischen Linie fliegen, die diese Route anbot. Mir war das egal. Hauptsache, wir erreichten unser Ziel. Das Gepäck war eingecheckt. Ich eilte zu ihr, denn ich wusste, in ihrem Kopf brauten sich alle denkbaren Unglücke zusammen, die sich ein Mensch nur vorstellen konnte.
»Ich habe gefragt, wir werden pünktlich abfliegen! Somit ist deine Befürchtung, dass wir den Anschlussflug verpassen könnten, unnötig.«
Sie schaute mich aus ihren großen, blauen Augen eindringlich an.
»Wir haben nur zwei Stunden Aufenthalt in Athen! Als ich das letzte Mal nach Paros flog, musste man an das andere Ende der Stadt, um vom nationalen Flughafen aus weiter zu fliegen!«
Das war typisch für sie. War ein Hindernis aus dem Weg geräumt, hatte sie augenblicklich das nächst mögliche parat. Ich nahm ihren Arm.
»Wir werden aber vom gleichen Flughafen aus weiter fliegen! Komm, wir holen uns etwas zu trinken.«
Meine Stimme strahlte fast hypnotisch Beruhigung aus. Meist erreichte ich sie damit.
»Ich habe Athen völlig chaotisch in Erinnerung. Wir sprechen kein griechisch. Was, wenn wir dort hängen bleiben?«
»Möchtest du ein Bier zur Beruhigung?«
Bei mir wirkte das. Davon abgesehen, dass ich es grauenhaft bitter finde, aber wenn ich schlafen will, reicht eine halbe Flasche. Leider wache ich nach einer Stunde mit äußerst dringendem Bedürfnis wieder auf.
Wir standen am Selbstbedienungstresen der Cafeteria. Sie schüttelte missmutig den Kopf und griff eine Flasche Mineralwasser.
»Es wird alles gut gehen, glaub mir! Im übrigen ist Athen ein internationaler Flughafen und die Verständigung auch in englisch möglich. Wo nimmst du nur diese unzähligen Katastrophengedanken her?«
»Sie tauchen einfach in meinem Kopf auf! Ich kann das nicht beeinflussen.«
Ich steuerte mit dem Tablett auf einen kleinen Tisch für zwei Personen zu. Als wir uns gegenüber saßen, bedachte ich sie mit einem liebevollen Lächeln.
»Beruhige dich bitte ein wenig, ansonsten küsse ich dich hier auf der Stelle zu Boden!«
»Das würdest du nicht, oder?«
Ihr hilfloser Blick rührte mich. Wissend um die Verlegenheit, die zu offensichtliche Intimität in der Öffentlichkeit bei ihr auslöste, nutzte ich dies nun zu dem Versuch, sie auf andere Gedanken zu bringen.
»Darauf würde ich nicht wetten«, entgegnete ich. Auf mein keckes Lächeln antworteten ihre Augenlider mit Flattern.
»Ist das hier Raucherzone?« wollte sie wissen.
»Hast du je erlebt, dass ich mich freiwillig anderswo hingesetzt habe?«
Ich hielt ihr die Schachtel Camel Light hin. Sie rauchte, im Gegensatz zu mir, nur selten. Hastig paffend vernichtete sie die Zigarette. Schon nach kurzer Zeit fixierte ihr Blick wieder und wieder meine halbvolle Tasse Kaffee. Sie begann auf dem Stuhl hin und her zu rutschen.
»Wollen wir zum Flugsteig gehen?«
Mein Satz war kaum ausgesprochen, als sie bereits stand. Wir mussten uns noch über eine Stunde gedulden, bis wir im Flugzeug saßen, das übliche Begrüßungsritual über uns ergehen lassen konnten, um dann endlich die Bewegung der Maschine zu spüren. Ich nahm ihre Hand, legte den Kopf zurück und sah nach draußen.
Der Druck auf den Magen wurde stärker. Graue Nebelschwaden zogen immer schneller am Fenster vorbei, bis der Flieger abhob. Ein faszinierendes Schauspiel, der Kampf des Stahlkolosses um Höhe, umhüllt von dicken Wolken, die plötzlich aufrissen.
Licht blendete meine Augen. Wir flogen der Sonne entgegen.
Ich erinnerte mich an den letzten Besuch auf Kreta.
Drei Wochen abschalten mit dem Wissen, dass der Stress einen unweigerlich wieder einholen würde. Damals schon hatte ich nach wenigen Tagen die Sehnsucht verspürt, bleiben zu können.
Was war es gewesen?
Das Meer, das einen dort von allen Seiten umgab? Die Luft, die beim Einatmen einen unvergleichlichen Geschmack hinterließ? Das Licht, das einen Tick heller zu sein schien? Farben, die klarer und eindringlicher wirkten? Eine Geschichte, die in jedem Stein, den man in die Hand nahm, spürbar war? Menschen, die im Schatten der Bäume auf Stühlen am Wegrand saßen, ein freundliches Lächeln im Gesicht und eine Ruhe ausstrahlten, die wir meist vermissen?
So vieles, Kleinigkeiten oft, die ich wahrnahm.
Und nun kam ich zurück. Mit einem Menschen an der Seite, den ich liebte. Mit dem ich, so alles gut ging, auf Kreta einen Platz finden würde, an dem wir uns zu Hause fühlen konnten. Mein Herz schmerzte vor Freude.
Keine Horrorvorstellung meiner Liebsten wagte es, mein Glück zu schmälern. Nach dem erneuten Start in Athen erklang die monoton näselnde Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern.
»Sehr geehrte Damen und Herren, in Kürze werden wir pünktlich zur Landung in Iraklion, der Hauptstadt Kretas, ansetzen. Der Himmel ist wolkenlos. Die Bodentemperaturen liegen derzeit bei angenehmen zwanzig Grad. Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt und hoffen, Sie bald wieder bei uns an Bord begrüßen zu dürfen.«
Ich reckte den Hals und erhaschte im Licht des Sonnenuntergangs einen Blick auf das Meer und die Silhouette der Insel. Aufgeregt stupste ich meiner Liebsten in die Seite.
»Hast du das gehört? Zwanzig Grad! Sonne! Und das im November!«
»Herrlich! Ich freue mich. Und wir sind tatsächlich pünktlich!«
Verstohlen nahm sie meine Hand, die ich festhielt, bis die unsanfte Landung überstanden war.Ich erinnerte mich an den unbeschreiblichen Duft nach Thymian, Sonne und Meer, doch darauf musste ich wohl noch etwas warten. Über dem Flughafen lag der Geruch von Kerosin und Großstadtsmog. Als Entschädigung empfing uns die Wärme auf der Gangway. Mit wohligem Seufzer pellte ich mich sofort aus der dicken Jacke. Es war bereits dunkel und in der Flughafenhalle erwartete uns die kalte Helligkeit des Kunstlichtes und Stimmengewirr in unverständlichem Kauderwelsch. Als in dem Durcheinander alle unsere Gepäckstücke auf dem Fliessband ankamen und am Ausgang, wie vom Reisebüro versprochen, ein Mann mit unseren Namen auf dem Schild wartete, wurde meine Liebste etwas gelassener. Blieb nur noch ihre Befürchtung übrig, unser Hotel könnte eine schmuddelige Absteige sein.
Nach etwas mehr als einer Stunde Taxifahrt, in der ich mich tief in den Rücksitz gedrückt hatte, um möglichst wenig von der selbstmörderischen Fahrweise des Griechen mitzubekommen, stellte sich auch diese als unbegründet heraus. Wir wurden in einem Fünf-Sterne-Hotel abgesetzt, das edel und elegant wirkte. An der Rezeption empfing uns eine freundliche Griechin mit perfektem Deutsch. Hinter ihr am Board fehlten nur wenige Schlüssel. Wir waren zwei der seltenen Gäste, die den Winterschlaf der Insel störten. Aufmerksam widmete sich ein Page dem Gepäck, nachdem wir das Anmeldeformular ausgefüllt hatten. In unserem Zimmer, das in der obersten Etage lag, stellte er die Koffer akkurat vor je einem Schrank ab und gab mir lächelnd die Schlüssel.
»Efcharisto!« bedankte ich mich und gab ihm ein Trinkgeld. Auf ‚Danke’ und ‚Bitte’ beschränkte sich zu jener Zeit mein griechischer Wortschatz. Gleich, in welches Land ich gereist war, zuvor hatte ich stets die beiden Worte gelernt.
»Einen angenehmen Aufenthalt wünsche ich Ihnen!« antwortete er und zog die Tür hinter sich zu. Ich schaute ihm mit offenem Mund nach. Sprachen hier alle deutsch?
»Boah, wir haben hier sogar deutsches Fernsehen!«
Der begeisterte Aufschrei meiner Liebsten riss mich aus den Überlegungen. Sie zappte bereits alle verfügbaren Kanäle durch, um den Fernseher dann wieder auszuschalten und sich rücklings aufs Bett zu werfen. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, gab sie einen wohligen Seufzer von sich. Ich warf die Jacke auf den Schreibtischstuhl.
»Sag mal? Ist dir eigentlich klar, dass kein einziger deiner negativen Gedanken eingetroffen ist? Das ist ein gutes Omen!«
Sie hob den Kopf. Ich konnte ihren Blick nicht deuten.
Das Fenster zog mich magisch an. Ich öffnete es, atmete tief den salzigen Duft und lauschte andächtig dem Rauschen des Meeres, das bis hier oben zu hören war.
»Das Bett ist riesig, oder?« erklang hinter meinem Rücken.
»Och, ja«, antwortete ich, zog lachend mit den Zehen die Schuhe aus und ging auf sie zu, während mein Blick sie bereits umarmte. »Bei den Temperaturen erwachen glatt Frühlingsgefühle, findest du nicht?«
Ihr Lächeln war Antwort genug.
Fortsetzung folgt...
