Leseproben zu
MARA und die Feder des Domai
IM TRAUM
lief Mara durch den Wald. Es war Nacht, klarer Himmel unendlich weit. Tierstimmen ließen die Dunkelheit lebendig werden. Dicht vor ihr flog mit lautem Flügelschlag ein Käuzchen vorbei.
Plötzlich stolperte sie und sank in ein laubbedecktes Loch. Mara versuchte sich festzuhalten, aber sie rutschte unaufhaltsam. Als ihre Füße den Grund berührten, befand sie sich ein paar Meter tiefer: Den eigenen Herzschlag in den Ohren, in der Nase den Geruch feuchtkühler Erde, und über sich eine Öffnung, die unerreichbar war.
Zwischen Baumwurzeln entdeckte sie einen breiten Spalt. Ihre Hand spürte dahinter keinen Widerstand. Mara zwängte sich hindurch und gelangte in einen Tunnel. Er war abschüssig und hoch genug, um aufrecht zu stehen. Bläuliches Leuchten ermöglichte die Orientierung. Schritt für Schritt bewegte sie sich, bis der Gang nach einem Bogen in eine Tropfsteinhöhle mündete. Mit ihren bizarren Konturen wirkten manche der Ablagerungen wie versteinerte Lebewesen. Ein Pfad führte Mara tiefer. Vorsichtig balancierte sie über nassen Fels und erreichte weitere Höhlen, jede größer als die vorhergehende. Mara durchquerte die sechste, und über allem lag der geheimnisvolle Glanz. Unersättlich nahm sie die Vielfalt in sich auf. Ein Bär, eine Frau mit einem Kind, der Stein direkt vor ihr bildete eine Schildkröte, die eine Weltkugel auf dem Rücken trug. Dahinter ging es durch einen von der Natur geformten Steinbogen. Mara stand auf einem Felsvorsprung in der siebten und letzten Höhle. Vor ihr erstreckte sich ein tiefblauer See.
Es war atemberaubend: Die Decke aus glitzernden Steinen hing Vorhängen gleich in Wellen nach unten. Wassertropfen erzeugten je nach Größe und Höhe, aus der sie fielen, unterschiedliche Töne, die eine fremdartige Melodie ergaben. In der Mitte des Gewässers lag eine Insel. Schemenhaft nahm Mara eine Gestalt wahr. Je länger sie hinübersah, desto mächtiger wurde ihr Wunsch, dorthin zu gelangen.
In Maras Kopf erklang eine unbekannte Stimme. "Willst du mich kennen lernen, finde einen Weg, um zu mir zu kommen!"
"Wie?" rief sie.
"Lass hinter dir, was du gelernt hast. Vertraue auf dich!"
Na, ob mir das hilft. Einfacher gesagt als getan!
"Ich weiß nicht, ob ich das schaffe!"
"In dir ist viel mehr als du zulässt."
Mara setzte sich ratlos auf den Felsen, schloss die Augen und atmete tief durch. Als sie es rascheln hörte und sich umsah, bewegte sich etwas auf dem Boden. Eine Schlange ringelte sich direkt vor ihr. Der erste Impuls war aufzuspringen und wegzulaufen. Ihr Körper bebte vor Angst. Ich vergesse jetzt, dass man mich gelehrt hat, Schlangen können tödlich sein, und überhaupt, seien sie an der Vertreibung aus dem Paradies schuld und all das Zeug. Ich mache es. Sie bezwang die aufsteigende Panik und begegnete dem Blick. Es kam Mara vor, als ob sie geprüft würde. Gemächlich bewegte das Tier sich näher, wiegte den Kopf und berührte dabei sacht ihr Knie, als ob es sagen wollte: "Hab keine Furcht."
Mara blieb unbewegt sitzen. Der Schlangenkörper schob sich auf ihren Oberschenkel und von dort aus auf den Arm, der nur wenig dicker war als das Kriechtier. Mara vermutete, es müsste glitschig sein, doch die Berührung war angenehm kühl und samtweich. Die Schlange bewegte sich über ihre Schultern und auf der anderen Seite wieder herunter, ohne dass Schreckliches geschah. Das Schwanzende drehte sich um ihr Handgelenk, zupfte Richtung See und ließ wieder los. Die Oberfläche wurde von kleinen Wirbeln durchbrochen. Erstaunt erkannte Mara unzählige Reptilienkörper, die einen schmalen Steg formten, über den sich die Schlange zur Insel hin entfernte.
Ob sie mich halten werden? Sehnsucht ergriff von Mara Besitz, überdeckte die Angst vor einem Weg, der dem Verstand nach keiner sein konnte. Sie setzte zögernd den Fuß auf die verschlungenen Wesen. Mara wurde getragen. Schwankend bewegte sie sich auf die Insel zu. Zwei Drittel hatte Mara hinter sich, als sie abrupt inne hielt. Auf dem Felsen stand, aufrecht und nackt, Mystiria. Zu ihren Füßen lag die Schlange.
Mystiria lächelte. Ein Leuchten umgab sie. Kein Gemälde, keine Götterstatue kam ihr gleich. Fasziniert gab Mara sich der Betrachtung hin und vergaß, die Balance zu halten. Eiskalt schwappte das Wasser über ihr zusammen.
Mara setzte sich ruckartig im Bett auf. Schweißperlen tropften von ihrer Stirn. Meine Güte! Solch einen realistischen Traum hatte ich das letzte Mal in meiner Kindheit. Ich habe alles intensiv gespürt! Was bedeutet das? Wenn mich der Job die ganzen zwei Monate so fordert, bin ich anschließend ein seelisches und körperliches Wrack! Das kann echt heiter werden, wirbelten die Gedanken durch Maras Kopf. Mechanisch griff sie nach dem Tabak, grübelte, weshalb die Frau ihr dermaßen unter die Haut ging. Mystiria hatte ein ungewöhnliches Schicksal, sie war etwas Besonderes. Mara konnte es fühlen.
Sie nahm auf dem Balkonstuhl Platz und starrte die schmale Sichel an. Neumond ist das Symbol für Neuanfang und ein guter Zeitpunkt zur Behandlung von kranken Pflanzen und Gehölzen. Seltsam, wie einem zu bestimmten Situationen entsprechende Dinge einfallen. Heute erst erzählte Eva von Träumen, die teilweise in die Psychotherapie integriert werden. Was wohl eine Therapeutin zu meinem sagen würde? Oder zu dem aus der Kindheit? Ein trauriges Lächeln umspielte Maras Lippen. Ungern dachte sie zurück. Gegenwart und Zukunft waren ihr lieber. Die konnte sie selbst mitgestalten. Der heutige Traum faszinierte sie, ihre Phantasie entwickelte eine angenehme Fortsetzung.
Als sie an Mystirias erotische Stimme und den unbeschreiblich schönen Körper dachte, schalteten ihre Erregungsnerven auf Hochspannung. Das fehlt mir noch, mich in eine Patientin zu verlieben! Eine stumme Unbekannte, von der niemand weiß, wer sie ist. Was sie wohl in die Höhle verschlagen hat? Ob sie in Wirklichkeit ebenso atemberaubend aussieht? Das ist die falsche Richtung für meine Gedanken! Gierig erwachte ihre Möse. Ach, wie kann ein Mensch so einschlafen. Es ist zwei Uhr! Ich muss bald wieder zur Arbeit. Soira wird mir helfen.
Als Kind begegnete ihr die Feenzauberin Soira. Sie kam stets, wenn Mara darum bat, und wurde auch Beglückerin, oder die Schlafbringerin genannt. Es gab nur eine Bedingung: Mara musste ihr für die Dauer des Zaubers die Hände schenken, da Soira gestaltlos war.
Mara legte sich auf das Bett.
Leise flüsterte sie: "Soira, bitte, gib mir einen glücklichen Schlaf."
Warme Luft streichelte Mara. Fingerkuppen fuhren sanft über ihre Augen, schlossen die Lider. Ein Strom der Liebkosung glitt den Hals entlang abwärts. Vertrautes Erkennen spielte mit empfindsamer Haut. Mit leisem Stöhnen, von ihrem Atem zu den Sternen getragen, bäumte sich Maras Körper auf.
ZUM ABEND
verabredete sie sich mit Eva, die Mara in der Stadt ihr Lieblingslokal zeigen wollte.
Hanlau erwies sich als verschlafener Ort.
Vor dem Rathaus breitete sich ein Areal mit Pflastersteinen aus. Ihre Oberflächen, über die Jahrhunderte von Tritten glattpoliert, glänzten im Schatten der Fachwerkhäuser wie schwarzer Marmor. In einem der Gebäude, die mit krummen Balken die optische Wahrnehmung narrten und den Anschein erweckten, in ihrer windschiefen Art bald einzustürzen, befand sich die Kneipe Sperrmüll.
Junge Leute hatten sich mit dem Bestreben zusammen getan, einen Treffpunkt mit passablen Preisen zu schaffen. Das Mobiliar, teilweise restauriert, war vom Sperrmüll. Mara und Eva ergatterten einen Tisch im Freien.
"Die Getränke holt man selbst. Darf ich dich einladen?" fragte Eva.
"Wenn ich mich revanchieren darf? Ich nehme Apfelsaftschorle."
"Bin bald wieder da."
Mara sondierte verstohlen die Umgebung. Das Publikum war bunt gemischt. Sie vertrieb sich die Zeit damit herauszufinden, ob die Menschen glücklich, traurig, nachdenklich, wütend oder vergrämt waren. Eine Frage stellte sie sich stets, wenn sie Fremde studierte: Gab es unter all denen, die vorübereilten ohne sie wahrzunehmen, eine, die ähnlich empfand? Möglicherweise lief sie soeben an ihr vorbei und bemerkte sie nicht! Woran auch? Schließlich hatte sie kein Schild um den Hals hängen, auf dem stand: lesbisch, alleinstehend, suche!
Eine Frau setzte sich an einen runden Kaffeehaustisch. Sie war Mara aufgefallen, als sie mit federnden Schritten den Platz überquerte. Ihre sportliche Erscheinung überragte die meisten. Eine weiße Seidenbluse, die Ärmel hochgekrempelt, schmeichelte der Figur und betonte den dunklen Teint. Ebenso die schwarze, eng anliegende Jeans.
Mara betrachtete die attraktive Mulattin, die ihre Phantasie beflügelte. Ihr Blick wurde erwidert. Ohne den Kontakt zu lösen, stand die Unbekannte auf und steuerte auf sie zu.
"Du gefällst mir!"
Was für eine Stimme. Eine Melodie in berauschender Tonlage, unterlegt mit einem Akzent, den Mara nicht zuordnen konnte.
"Ich wohne um die Ecke. Würdest du mit mir kommen?"
Sie reichte Mara auffordernd die rechte Hand, zartgliedrig, mit langen Fingern ohne jeden Schmuck. Wortlos überließ sich Mara. Die beiden wechselten die Straßenseite, als ob sie allein auf der Welt wären.
Der Hausflur zwang Mara, schräg hinter der Fremden zu bleiben. Jeder Schritt, jede kleinste Bewegung der Frau umhüllte Mara mit einem dezenten Duft, der die Nasenflügel beben ließ und Begehren in ihrer Körpermitte hervorrief. Unter dem Dach hielten sie an. Der Schlüssel kratzte leise im Schloss. Sanft, aber bestimmt, wurde Mara hinein gebeten. Lässig flog der Schlüsselbund auf ein kleines Board. Mit dem Fuß schubste sie die Tür hinter sich zu und lotste Mara in ein Zimmer.
Es gab keine Magst-du-was-trinken oder Willst-du-dich-setzen Höflichkeitsfloskeln. Sie standen sich gegenüber und sahen sich an. Knopf für Knopf öffnete die Fremde mit den schönen Händen ihre Bluse und ließ sie zu Boden schweben. Mit einem Schritt war sie bei Mara und stahl ihr das Shirt. Eine kurze Berührung, Haut an Haut, ließ Mara erzittern.
"Dreh dich!"
Der Ton ließ keine Widerrede zu.
Mara nahm für einen kurzen Moment den Raum wahr. Holzgebälk in der Dachschräge, als einziges Möbelstück ein riesiges Bett, und ein Fenster zum Himmel. Dann legte sich ein Tuch über ihre Augen, das sie in völliges Dunkel tauchte. Geruchsinn und sämtliche Empfindungen wurden verstärkt. Nichts lenkte ab. Nägel, gerade so fest, dass der Schmerz erregend wirkte, fuhren an der Wirbelsäule herunter und im Bogen nach vorn. Lippen verströmten dicht über ihrem Nacken warmen Atem, während geübte Hände Maras Gürtel und dann herausfordernd langsam ihre Hose öffneten.
DIE NACHT
legte sich schlafen, erste Strahlen überwanden Berggipfel und tasteten mit weichem Licht. Vögel zwitscherten ein fröhliches Willkommen.
Mara lag ausgestreckt im Sand, den nackten Körper im kühlen Nass. Sie genoss das Spiel der Wellen, als sich ein Schatten auf ihr ausbreitete.
"Welch schöner Anblick! Besser könnte mein Tag nicht beginnen", hörte sie eine wohltönende Stimme.
Alles, was Mara in dem Moment erfasste, war ein kurzes Kleid aus Leder und braungebrannte Beine.
Sie sprang auf. Sand und Wassertropfen spritzten.
"Hab keine Angst! Du bist wundervoll anzusehen", sprach die Unbekannte.
"Dich zu erschrecken, war nicht meine Absicht."
"Wer bist du? Woher kommst du so plötzlich?"
"Ich bin Artäa, eine Tochter von Ajagalis und lebe hier." Sie beschrieb mit der Hand einen Bogen über das Meer bis zum Gebirge hin. "Ich wurde geschickt, dich zu empfangen und ein Stück weit zu begleiten. Vorausgesetzt, du nimmst meine Gesellschaft an."
Mara schwankte zwischen Verwirrung und Neugierde.
"Lass dir ruhig Zeit mit deiner Entscheidung."
Artäa öffnete den mit Schlangenmotiven bestickten Gürtel und löste mit gekonntem Griff Bänder, die das Gewand zusammenhielten. Nackt stand sie Mara gegenüber, und strahlte eine Natürlichkeit aus, die Maras Unsicherheit buchstäblich absorbierte. Durch die feinen, hellen Haare, in denen sich Sonnenlicht fing, schimmerte Artäas Haut golden.
"Meine Freunde warten schon."
Sie drehte sich um und rannte los.
Mara stockte der Atem. Mit weiten Schritten durchbrach Artäa die glitzernde Oberfläche. Tropfen verteilten sich auf ihr und perlten einer Liebkosung gleich herunter. Als das Wasser bis zum Bauch reichte, federte sie mit einem Sprung in die Luft, um kopfüber abzutauchen. Eine Zeitlang konnte Mara sie nur als Schatten wahrnehmen, bis Artäa ihr von weit draußen zuwinkte. Mara blieb in Ufernähe, da sie keine gute Schwimmerin war, und ließ sich auf dem Rücken treiben. Die Sonne gewann an Kraft und wärmte ihr Gesicht. Der erste Schreck wurde abgelöst von Wissbegier und Faszination. Sie fand die Situation zunehmend erotisch.
Als Artäa zurückkam, entdeckte Mara Delphine, die kunstvolle Pirouetten vollführten.
"Unglaublich schön", flüsterte sie.
"Das sind meine Freunde!" lächelte Artäa. "Und? Hast du darüber nachgedacht? Magst du mich begleiten?"
Die Neugier hatte bei Mara gesiegt.
"Gerne, aber..."
"Da hinten, an dem Baum, das ist für dich."
Prüfend schaute Mara Artäa in die Augen.
"Wie konntest du das wissen?"
"Das ist unwichtig. Du wirst es später verstehen."
Es widerstrebte Maras Vernunft, vertrauensvoll zu sein, doch sie ergriff die dargebotene Hand und erhielt ein Kleid, ähnlich dem von Artäa. Weiches, dünnes Leder, an den Schultern und Seiten von Riemen gehalten, schmiegte sich wie eine zweite Haut an. Maras Gürtel war mit fremdartigen Symbolen bestickt.
"Für dich ist es barfuss ungewohnt."
Artäa gab ihr Sandalen, ebenfalls aus Leder, die sie dankbar annahm. Scharfkantige Steine hatten Mara auf dem kurzen Stück schon gequält.
"Bist du fertig? Dann lass uns gehen, bevor es heiß wird."
Schweigend bewegten sie sich Seite an Seite. Artäa passte erkennbar das Schritttempo an ihres an. Mara versuchte, sich zu orientieren. Landschaften wie diese kannte sie nur von Bildern. Vom Wind gebeugte Zypressen und Johannisbrotbäume wuchsen vereinzelt in steinig karger Erde. Es roch nach wildem Thymian.
Mara konnte keinen Weg ausmachen. Vor ihnen erstreckten sich Hügelketten und Berge. Darauf ging Artäa zu.
Dürre, von der Sonne verbrannte Gräser und Stachelbüsche zeigten, dass es wenig regnete. Auffällig war das Verhalten der Tiere. Eine Gottesanbeterin, und eine schillernde Eidechse, scheu in ihrer Art, näherten sich. Am Himmel kreiste seit dem Aufbruch vom Strand ein Bussard.
"Er hat mir heute morgen von deiner Ankunft berichtet."
Artäa zeigte nach oben. Unvermittelt blieb Mara stehen.
"Willst du sagen, der Vogel kann sprechen?"
"Nicht im Sinne deiner Sprache! Er versteht mich und ich ihn. Derart verhält es sich mit den meisten Geschöpfen. Ich bin ihre Botschafterin und Vermittlerin zu den Menschen."
"Du machst einen Scherz, oder? So was habe ich noch nie gehört!"
"Warum sollte ich", entgegnete Artäa ernst. "Sieh her, ich zeige es dir."
Sie hockte sich vor einen Stein. Sekunden später krabbelte ein Skorpion hervor. Mara erstarrte vor Angst. Er bewegte sich auf die ausgestreckte Handfläche und legte seinen giftbesetzten Stachel nach hinten ab.
"Sei ohne Furcht. Sein Gift benutzt er nur zur Verteidigung oder zum Futterfang."
Vorsichtig rückte Mara näher. Neben Artäa beugte sie sich herab und betrachtete die Kreatur, der sie in ihrer Welt mit Panik und Abscheu begegnet wäre. In eigenwilliger Schönheit schimmerte der Skorpion wie dunkler Bernstein. Artäa entließ ihn in seine Steinspalte.
"Dir muss die Idee, mit Tieren zu kommunizieren, seltsam erscheinen. Es gab eine Zeit, da konnten das alle. Heute sind nur noch wenige mit der Fähigkeit zu finden."
Sie hob den linken Arm und der Bussard rauschte im Sturzflug herab, um mit kräftigem Flügelschlag vor Artäa zu landen.
"Dies ist Domai, mein verlängertes Auge und Künstler der Lüfte!"
Würdevoll saß der Gefiederte auf dem Fels. Für das, was Mara hier erlebte, gab es keine logische Erklärung.
"Eine Menge Dinge liegen außerhalb der gewohnten Wahrnehmung. Sie müssen nicht definiert werden, sie sind einfach", durchbrach Artäa ihre Gedanken, als hätte sie diese laut ausgesprochen. "Komm, es liegen noch gut drei Stunden Fußweg vor uns."
Domai schwang sich elegant in den Himmel.
Es ging steil bergauf. Mara verschob all die Fragen. Sie benötigte ihren Atem für den anstrengenden Marsch. Artäa pflückte im Vorbeigehen von einem Baum mit großen, fingerförmigen Blättern grüne Früchte, brach sie auf und reichte ihr die saftig süße Erfrischung.
Irgendwann rückten die Zypressen dichter und die letzten Minuten wanderten sie in wohltuendem Schatten.
Vor ihnen öffnete sich eine Lichtung, hinter der eine schroffe Felswand aufragte. An sie schmiegte sich eine Steinhütte, die Mara zunächst für abgerutschtes Geröll hielt, so perfekt war die Behausung an die Umgebung angepasst. Bis sie einen Schornstein bemerkte, aus dem Rauch kräuselte. Neben der Unterkunft füllte eine Quelle ein Steinbecken. Dort wusch sich Artäa und hielt die Lippen unter das fließende Wasser.
"Ah, das ist gut! Probier es, du kannst ebenfalls eine Erfrischung gebrauchen!"
Es schmeckte köstlich. Artäa nahm sie bei der Hand und ging zum Eingang, der mit einem wollenen Vorhang bedeckt war.
"Artis! Ich habe Besuch mitgebracht!"
Aus dem Halbdunkel erklang: "Tretet ein!"
Die Steinhütte war nur der Bereich für die Feuerstelle. Im geschützten Fels öffnete sich ein Durchlass. Eine Frau, zierlicher als Artäa, mit dunklem Haar, ihr ansonsten verblüffend ähnlich, eilte auf sie zu und umarmte Maras Begleiterin voller Freude.
"Es ist schön, dich zu sehen!"
"Mara, darf ich dich mit meiner Schwester bekannt machen? Außer Ajagalis versteht sich keine besser auf die Verwendung von Kräutern." Stolz klang in Artäas Stimme.
Überall hingen wohlriechende Pflanzen, durch eine breite Kluft erhellte Sonnenlicht die Höhle.
"Sei willkommen, Mara! Artäa hat dich bestimmt quer durch die Wildnis geschleppt! Setzt euch! Ich werde uns Tee kochen."
Artis führte sie zu einer Nische, in der eine Rundung einladend mit Fellen bedeckt war. Davor stand ein Felsbrocken, der als Tisch diente. In Maras Kopf wirbelten die Gedanken.
Was mache ich hier? Wo bin ich überhaupt‚ und wer sind diese Frauen? Sie sind völlig anders als das, was ich kenne!
Sie fühlte sich wohl, aber sie konnte, was geschah, nicht einordnen.
Artäa unterbrach sie in ihren Überlegungen: "Es ist unsinnig in der Mittagshitze zu gehen. Ich helfe kurz meiner Schwester, wir werden mit ihr essen. Danach beantworten wir deine Fragen. Bleib und erhole dich."
Der Raum war angenehm kühl. Mehrere Gänge zweigten nach hinten ab und verloren sich im Dämmerlicht. Wo Mara hinsah, standen Tonkrüge und bauchige Gefäße. Einige mit einem Umfang, dass sie sich problemlos darin verstecken konnte. An der Decke gab es Halterungen aus Schilf, an denen Pflanzenbündel zum Trocknen befestigt waren.
Artäa stellte eine dampfende Schüssel in die Mitte.
"Eine Gemüsesuppe mit frischen Kräutern!"
Wohlgeruch verbreitete sich. Mara spürte, wie hungrig sie war. Artis brachte Essgeschirr und einen Krug.
"Oh, und das riecht nach dem leckeren Tee, den ich liebe!" freute sich Artäa.
"Richtig! Magst du Honig, Mara?"
"Ich würde gern erst ohne kosten", antwortete sie, durch Artäas Bekundung neugierig geworden.
"Gut! Gebt mir eure Teller! Artäa, teilst du das Brot?"
Mara fand den Holzlöffel ungewohnt, doch sie kam schnell zurecht. Die Suppe und das knusprige Backwerk schmeckten ausgezeichnet. Als sie satt waren, und genüsslich tranken, rutschte Mara unruhig auf dem Sitz hin und her. Sie musste ihren Wissensdurst stillen.
"Wer seid ihr beide? Wieso und wo bin ich hier? Woher wusste Artäa von meiner Ankunft?" platzte sie ungestüm heraus.
Artäa gab sich keine Mühe, ihr belustigtes Lächeln zu verbergen, während Artis begann, Maras Fragen zu beantworten. "Wir sind Teil einer weiblichen Gesellschaft, die war und ist. Viel weniger als zu Beginn, leben wir lange vor der dir bekannten Evolution. Ab und zu gibt es Frauen wie dich, die uns erreichen."
Aufmerksam hörte Mara die Worte und versuchte zu verstehen. Artäa fuhr mit der Erklärung fort.
"Ajagalis, die Tochter der Erde, ist unsere Mutter. Sie ist die Einzige, die noch alle ursprünglichen Fähigkeiten in sich vereint. Weshalb du hier bist, weiß keine von uns beiden, aber eines ist gewiss: Es war dein Bestreben."
Die Antworten vermehren die Rätsel, anstatt welche zu lösen.
"Wie kann ich es gewollt haben, wo mir eure Existenz völlig unbekannt war?"
"In dir wirkt eine starke Sehnsucht, Neugier oder der Wunsch nach Heilung mit solcher Kraft, dass sie das Tor in unsere Welt zu öffnen vermag. Alles, was geschieht, ist abhängig davon, was du möchtest und zulässt."
Mara war verwirrt. In sich entdeckte sie keinen Anhaltspunkt, der das Gehörte verständlicher machte. Sie musste mehr erfahren.
"Was verbindet eure Gemeinschaft?"
"Wir Frauen leben im Einklang mit der Natur und fördern die Stärken und Fähigkeiten der Einzelnen. Viele von uns existieren eigenständig, doch treffen wir uns mehrmals im Jahr bei Ajagalis. Jede ist aus freiem Willen bei uns und kann gehen, wenn ihre Bestimmung sie woanders hinführt."
Ajagalis. Ein Name, der nun öfter gefallen ist. Das muss eine wichtige Person sein, überlegte Mara, während sie Artäas Stimme lauschte.
"Unsere Begegnungen sind wahrhaftig, da wir uns auf telepathischer Ebene unterhalten. Nur vor Fremden vermögen wir uns abzuschirmen."
Maras Augen wurden weit, als sie begriff. Ob sie meine Gedanken auch lesen kann?
"Wäre das unangenehm für dich?"
Verdutzt antwortete Mara: "Nun, ich glaube, es gibt keine Geheimnisse, die ich verstecken müsste."
Im selben Moment fiel ihr ein, wie begehrenswert sie Artäa gefunden hatte, als diese nackt vor ihr stand. Verlegen senkte sie den Kopf.
"Mara, das ist keine Beleidigung, sondern ein Kompliment! Ich habe keine Partnerin, die du verletzen könntest."
Mara holte tief Luft, bevor sie antwortete. "Es ist äußerst ungewohnt, durchschaubar zu sein! Artis, verhält es sich bei dir ebenso?"
"Ja, bei allen von uns."
Oh je, auch das noch. Was soll's! Sie haben mich herzlich empfangen und kein Zeichen der Verärgerung gezeigt, dann habe ich mich wohl einigermaßen gut benommen.
Ein Blick in Artis' und Artäas Gesichter bestätigte ihr das.
"Welche Verbindung gibt es von mir zu euch?" grübelte Mara, auf der Suche nach einer Erklärung. Artis lachte.
"Eine ganz sicher! Du möchtest eine Frau zur Gefährtin! Alles andere wirst du nach und nach herausfinden. Vertraue auf dich!"
"Was haltet ihr davon, wenn wir uns nun ein wenig zur Mittagsruhe begeben?" fragte Artäa. "Mara, ich zeige dir deinen Platz."
Sie gingen nach hinten, in den mittleren Gang, wo sich nach einigen Schritten auf der rechten Seite ein Durchlass zu einem weiteren Bereich öffnete. In ihn gelangte nur wenig Tageslicht. Die Hälfte des Raumes wurde von einem Bett eingenommen.
Na, ob das jetzt klappt, wage ich zu bezweifeln! Ich bin aufgewühlt, durcheinander, und es gehen mir viele Dinge durch den Kopf.
"Lege dich hin. Du wirst schlafen, glaube mir." Artäa breitete eine dünne Decke über Mara und setzte sich zu ihr. "Deine Fragen werden mit der Zeit beantwortet und du wirst verstehen, wenn du bereit bist. Jetzt schließ die Augen."
Artäa hauchte einen Kuss auf ihre Stirn und streichelte mit dem Daumen sanft zwischen den Augenbrauen auf und ab. Mara spürte ein Schweben im Kopf, und allmählich verflüchtigten sich die Gedanken. Was sie für unmöglich gehalten hatte, geschah: Sie schlief ein.
ZURÜCK
im Alltag, begann Maras dritte Woche in der Landesklinik. Häufig weilten ihre Gedanken bei Artäa und Artis. Ob es ihnen gut geht? Ist es das Ende meiner Reise, wenn den beiden etwas zustößt? Nein, das darf nicht sein! Sie hat eben erst begonnen! Es gibt noch so viele Fragen und Geheimnisse!
Die Frauen waren ihr wichtig und mit ganzer Kraft wünschte sie sich ein Wiedersehen. Doch die Tage verstrichen, bis auf die Tatsache, dass Mystiria ihr täglich Tee brachte, ereignislos.
Es mutete wie ein Ritual an: Pünktlich vierzehn Uhr erschien Mystiria. Sobald Mara an der Tasse nippte, verschwand die Patientin ohne weitere Geste oder Verhaltensänderung.
Eva beobachtete das sorgfältig. Mara überlegte, ob sie ihre Träume erwähnen sollte. Etwas in ihr sträubte sich, und sie ließ es sein.
Donnerstag wollten sie nach Hanlau. Eva hatte von einem Spektakel auf dem Marktplatz erfahren und Mara war gespannt, was es sein würde.
Wie selbstverständlich nahmen sie Evas Auto.
"Wäre dir wohl peinlich mit meinem Wagen", stichelte Mara, worauf Eva lachend antwortete: "Quatsch! Wie kommst du darauf? Es interessiert mich herzlich wenig, was die Leute denken! Mein Fahrzeug ist besser in Schuss und auf jeden Fall zuverlässiger. Wenn ich in dem dunklen Waldgebiet mit einer Panne festsitzen würde, hätte ich ein Problem. Ist das Argument akzeptabel?"
War morgens noch grauer Himmel und Nieselregen, zeigte sich das Wetter nun von seiner besten Seite. Strahlender Sonnenschein lockte viele ins Freie. Eva parkte früh, und nach wenigen Minuten Fußmarsch waren sie im Zentrum. Mara entdeckte den Grund für das lebhafte Treiben. Auf dem Marktplatz stand ein Kran. In regelmäßigen Abständen schwebte eine befestigte Plattform mit drei Personen in schwindelerregende Höhe. Soeben gelangte sie oben an. Eine Frau trat vor, streckte die Arme aus und sprang.
Das Aufraunen der Leute wurde vom lauten Schrei der Springerin übertönt. Über den Köpfen der Zuschauer erreichte das elastische Tau seinen Spannungspunkt und schleuderte die Frau wieder hoch. Sie schwang mehrmals auf und ab, bevor zwei Helfer die Wagemutige auf dem Boden empfingen und sie befreiten.
Das ist genial. In Mara begann es zu kribbeln. Auf einem Schild las sie:
Bungee Jumping!
Genießen Sie den freien Fall aus sechzig Metern!
Ein unvergessliches Erlebnis!
Wir sind TÜV geprüft!
Die Hebevorrichtung setzte sich erneut in Bewegung.
Mara schielte zu Eva, die entsetzt die Hand vor den Mund hielt.
"Das ist unglaublich! Absolut gegen den natürlichen Instinkt! Jeder normale Mensch ist froh, wenn er festen Boden unter den Füßen hat! Das müssen Verrückte sein, die sich das antun!" sprudelte es empört aus ihr heraus. "Lass uns was trinken." Sie stutzte, als sie Maras Ausdruck bemerkte. "Überlegst du etwa, ob du dafür Geld zum Fenster rauswirfst?"
Ihr Daumen zeigte über die Schulter.
"Ja!" erwiderte Mara. "Genau das. Es reizt mich ungemein."
Eva verdrehte die Augen, blickte hilfesuchend in den sorglos blauen Himmel und seufzte: "Tu, was du nicht lassen kannst. Ich warte auf dich."
Mara lächelte keck und drängelte durch die Menge bis zur Warteschlange. Je kürzer die Reihe, desto aufgeregter wurde sie.
Was mache ich hier eigentlich? Ist es eine Mutprobe? Grenzen austesten? Die Faszination des Fliegens? Wohl von allem ein wenig, gestand sie sich ein. Was nun, wenn ich da oben stehe und mich der Mut verlässt?
Plötzlich gab es keine anderen mehr vor ihr. Eine attraktive Frau fragte Mara nach ihrem Tascheninhalt. Sie zeigte Feuerzeug und Tabak.
"Würde es disch schtören, deine Jacke 'ier unten zu lassen? Du bekommst sie sischer zurück!"
Mara fand sowohl die Person als auch ihre Ausdrucksweise bezaubernd. Bereit, ihr wesentlich mehr zu überlassen, gab sie einfach die Weste ab und meinte: "Klar, kein Problem."
Die Fremde bedankte sich mit charmantem Lächeln und half Mara auf das Podest.
Flankiert von zwei Männern entfernte sich Mara mit surrendem Geräusch. Um die aufsteigende Angst zu verdrängen, widmete sie sich der intensiven Betrachtung ihrer Begleiter. Der rechte wirkte unheimlich. Stumm lehnte er an der vorderen Stange, die wohl ein Herunterfallen vermeiden sollte, ließ seine ausgeprägten Bizepse spielen und kaute Kaugummi. Mit dem haarlosen Schädel, einem dicken, goldenen Ohrring, und reichlich tätowiert, war er die ideale Besetzung für einen Piratenfilm. Der zweite kniete vor Mara und befestigte an ihren Füßen gepolsterte Manschetten.
Die Figuren auf dem Platz schrumpften auf Zwergesgröße. Maras Hände schwitzten. Unter ihrer Achsel bahnte sich ein heißer Tropfen den Weg. Da ist wohl heute mein Deo überfordert, ging ihr lapidar durch den Sinn. Mit einem Schlag hielten sie an. Der Schweißtropfen löste sich. Glatzkopf erwachte aus seinen Tagträumen.
"Alles klar? Geh an den Rand und spring weit nach vorn!" quetschte er durch die Zähne.
Maras Zehenspitzen standen über das Ende der Eisenplatte. Ihr Blut übernahm die Aufgabe von Weichspüler und durchdrang alle Muskeln. Wenn sie länger wartete, würde sie kraftlos zusammensinken. Spring, solange du noch kannst! Ihre Knie beugten sich, die Arme schwangen zur Seite, sie stieß sich ab und - flog!
Adrenalin explodierte in ihrem Körper und ließ sie bis in die Nervenenden erzittern. Es war ein unbeschreibliches Hochgefühl. So muss es für Domai sein, wenn er sich in die Lüfte erhebt, um schwerelos zu gleiten, blitzte es durch Maras Gedanken, da zerrte es unsanft an ihr. Sie zappelte wehrlos, bis die Schwingungen des Seils ausgependelt waren. Die Französin half ihr auf die Beine.
"C'est magnifique, wundervoll, oder?" lachte sie und reichte ihr die Jacke. "Au revoir, bis zum nächsten Mal!"
Wie in Trance bewegte Mara sich dorthin, wo sie Eva vermutete, als sie festgehalten wurde.
"Bist du in Ordnung?" hörte sie die besorgte Stimme der Freundin. Sie wirbelte herum und packte Evas Oberarme.
"Mensch! Es ist... es ist, ach, ich finde gar keine Worte dafür! Genial! Fast so gut wie ein... na ja, fast. Leider viel zu kurz!"
Mara lachte übermütig, während Eva den Kopf schüttelte.
"Ich habe dafür kein Verständnis. Wie kannst du nur derart Unsinniges machen? Mir ist furchtbar schlecht, solche Angst hatte ich um dich!"
"Warum? Was sollte schon passieren? Es ist absolut ungefährlich und eine tolle Erfahrung! Versuch es!"
Eva blieb abrupt stehen. In ihren Augen spiegelte sich nacktes Entsetzen.
"Ich würde mich mit den Zähnen an der Plattform festbeißen! Nichts auf der Welt bringt mich dazu, da herunterzuspringen! Nichts! Verstehst du? Wir sind Menschen! Wäre es für uns vorbestimmt, fliegen zu können, wären wir mit Flügeln zur Welt gekommen. Wir haben Beine zum Laufen, und um auf der Erde zu stehen!"
"Das ist ein schlechtes Argument. Schließlich fährst du auch mit dem Auto! Und? Bist du mit Rädern geboren worden?" konterte Mara. An einer Bude kaufte sie Zuckerwatte. Die Antwort hatte Eva sprachlos gemacht.
"Hast du Lust, gemütlich einzukehren?" fragte Mara.
Sie sprühte vor Energie und genoss die anhaltende Hochstimmung. Eva nickte, den Mund klebrig süß gefüllt. Abseits vom Trubel stöberten sie eine behagliche Weinstube auf.
"Es ist folgendermaßen - du selbst hast gesagt, Grenzen soll man versuchen abzubauen oder zu verschieben", leitete Mara die Diskussion ein. "Das Springen war so etwas! Mich gegen jede Vernunft ins Bodenlose fallenzulassen."
Evas Finger trommelten erbost auf die Tischplatte.
"Wenn ich gewusst hätte, dass du das wörtlich nimmst! In Zukunft will ich meine Äußerungen genau überdenken, bevor ich sie dir an den Kopf werfe! Im übrigen habe ich das eher auf zwischenmenschliche Situationen bezogen. Ich meinte keine lebensmüden Verrücktheiten!"
Mit einem süffisanten Lächeln entgegnete Mara: "Sei vorsichtig bei dem Gebrauch dieses Wortes! Du arbeitest mit Patienten, die von den Normalis mit dem Stempel versehen werden. Ich erinnere mich - du hast es vehement abgelehnt. Von dir habe ich gelernt, dass die Definition von normal und verrückt ein inakzeptabler Mehrheitsbeschluss ist, der sich ständig durch die jeweiligen Entwicklungen von Gesellschaften verändert. Womit ich nicht sagen will, Bungie Jumping könnte in naher Zukunft zu unseren täglichen Leibesübungen gehören. Obwohl - eine nette Idee!"
Eva machte eine Geste, als ob sie auf den Tisch brechen wollte.
"Gott bewahre mich vor solchen Fortschritten! Dann müsste ich mir leider ein anderes Land zum Leben suchen! Früher, das heißt noch bis vor zwei Jahren, litt ich unter panischer Höhenangst. Inzwischen gehe ich ohne größere Schweißausbrüche über eine Brücke. Aber so ein Sprung? Nein, das führt zu weit!"
Sie puffte mit der Faust an Maras Oberarm.
"Übrigens, du lernst schnell."
Sie prusteten beide los.
Wie stets, wenn sie beisammen waren, vergaßen sie die Zeit, redeten, diskutierten und lachten. Als sie sich auf den Weg zurück begaben, hatte die Dämmerung gegen das Sonnenlicht gewonnen.
